Fünf leere Stellen, die ein Freitag im Oktober braucht
Kurz vor sieben Uhr, noch im Grau vor der Dämmerung, drückt eine grosse Seeforelle ihren Schwanz gegen den Kies der Hasliaare und schiebt die letzten Eier in eine Mulde, die sie sich in der Nacht freigeschlagen hat. Vor der Renaturierung des Gewässers hätte ihr das schwankende Abflussregime die Grube regelmässig wieder verschüttet oder trockengelegt, heute bleibt das Wasser ruhig genug, dass eine Mulde eine Mulde bleibt. Niemand hat ihr erzählt, dass die Art hier lange als verschwunden galt, so wie der Fischotter, der inzwischen wieder in neun Kantonen lebt, oder der Weissstorch, der es 2022 schweizweit auf 887 Brutpaare brachte. Sie spürt nur, dass der Untergrund heute hält, wo er es jahrelang nicht tat, und dass die Strömung seit der Renaturierung eine zweite, ruhigere Spur neben der alten, schnellen führt, als hätte der Fluss sich selbst eine Ausweichstelle freigehalten.
Um zwanzig nach neun steht im Zoo Zürich eines von vier Trampeltieren vor einem Massband, das jemand an seiner Boxentür angebracht hat. Es weiss nichts von Roter Liste oder Erhaltungszucht, nur dass die Pflegerin heute zweimal gemessen hat und im Nachbargehege schon Kisten stehen. Innerhalb von zwei Wochen zieht es auf einen Kamelhof im Thurgau um, weil die Art nicht als bedroht gilt und der Zoo seinen Bestand bis 2030 auf Arten ausrichtet, die auf der Liste der IUCN stehen oder der Forschung dienen. An seine Stelle kommen Goldtakine aus dem Himalaya. Auch die Königspinguine gehen, die Humboldtpinguine bleiben, und die Erdmännchen bleiben trotz allem, weil die Universität Zürich seit Jahren mit ihnen forscht.
Um zwanzig vor zwölf öffnet sich im Untergeschoss eines Berner Verwaltungsgebäudes eine Schublade, die seit Jahren niemand mehr angefasst hat, und eine Hausmaus flüchtet aus ihrem Nest zwischen zwei Aktenordnern in den Zwischenraum der Täfelung. Sie weiss nichts von einem Cyberangriff auf einen externen Softwarelieferanten der Pensionskasse des Bundes, der Ende September entdeckt wurde, nichts von den rund 70’000 aktiven Versicherten und 41’600 Rentenbeziehenden, deren Daten nun überprüft werden, nichts von der Bundesanwaltschaft, die seit gestern ermittelt. Sie weiss nur, dass heute, zum ersten Mal seit sie hier lebt, jede Schublade im Haus geöffnet wird, egal wie lange sie zu war, und dass der Zwischenraum in der Täfelung, den sie sich für genau solche Tage freigehalten hat, gerade zum einzigen ruhigen Ort im ganzen Gebäude wird.
Um zehn nach zwei äst eine Gämse am Hang über dem Spreitgraben zwischen Innertkirchen und Guttannen und spürt den Boden unter sich noch unruhig vom Geschiebe, das sich gestern Nachmittag nach starkem Regen vom Felssturzgebiet am Ritzlihorn löste und bis in den Talboden der Aare schoss. Das Warnsystem, das das Gerinne rund um die Uhr überwacht, hatte die Grimselpassstrasse rechtzeitig gesperrt, kurz nach fünf Uhr abends war sie schon wieder offen, niemand wurde verletzt. Die Gämse weiss nichts von Sperrungen und Betriebszentralen, sie weicht nur zwei, drei Schritte höher, dorthin, wo der Hang schon seit Jahren nicht mehr nachgegeben hat.
Um fünf Uhr steht eine Kuh in einem Stall irgendwo im Mittelland vor einem Trog, der heute anders riecht als sonst, Soja- und Sonnenblumenschrot aus einem Pflichtlager, das seit seiner Einrichtung noch nie angetastet worden war. Die Sonnenblumenernte ist diesen Sommer der Trockenheit zum Opfer gefallen, und das Niedrigwasser auf Rhein und Donau bremst seit Wochen den Nachschub an Eiweissfuttermitteln, sodass der Bund ab dem 15. Oktober weitergehende Bezüge aus der Reserve erlaubt, nachdem bereits 9,5 Prozent des gesamten Bestands abgerufen wurden. Die Kuh weiss nichts von Verordnungen, nur dass der Trog heute voll ist, obwohl die Säcke draussen vor der Scheune schon seit Wochen leerer aussehen als sonst im Oktober.
Fünf Leerstellen sind das heute: eine Grube im Kies, zwei freie Buchten im Zoo, eine stille Ritze in der Täfelung, ein Pflichtlager, das zum ersten Mal seit seiner Gründung unter die Marke von hundert Prozent fällt, und eine Zeitspanne zwischen Alarm und Ankunft des Geschiebes, die lang genug war, weil niemand sie vorher gebraucht hatte. Keine dieser Lücken war für diesen Freitag angelegt worden, keine wurde eigens dafür frei gehalten. Sie waren einfach da, ungenutzt, seit Jahren oder seit der letzten Überschwemmung, und genau deshalb reichten sie, als der Freitag sie brauchte.
Eingewobene Meldungen vom 8. Oktober 2026:
- WWF Living Planet Report: Fischotter wieder in neun Kantonen heimisch, Weissstorch 2022 schweizweit mit 887 Brutpaaren, Seeforellen laichen nach Renaturierung wieder in der Hasliaare bei Innertkirchen, ein Drittel der Schweizer Arten weiterhin vom Aussterben bedroht. Plattform J
- Zoo Zürich richtet Tierbestand bis 2030 nach der IUCN-Roten-Liste aus: vier Trampeltiere, Seehunde und Königspinguine ziehen um, Goldtakine aus dem Himalaya und eine bedrohte Robbenart ziehen ein, Erdmännchen bleiben wegen Forschungskooperation mit der Universität Zürich. 20 Minuten
- Cyberangriff auf einen externen Softwarelieferanten der Pensionskasse des Bundes (Publica): Ende September entdeckt, Strafanzeige erstattet, rund 70’000 aktive Versicherte und 41’600 Rentenbeziehende betroffen, Bundesanwaltschaft ermittelt. Inside IT
- Murgang im Spreitgraben zwischen Innertkirchen und Guttannen: nach Regen löste sich Geschiebe vom Felssturzgebiet Ritzlihorn, Warnsystem schlug Alarm, Grimselpassstrasse vorsorglich gesperrt, kurz nach 17 Uhr wieder offen, keine Verletzten. Plattform J
- Bund gibt erstmals in der Geschichte der Pflichtlager Eiweissfuttermittel für Rinder, Hennen und Schweine frei: 9,5 Prozent bereits bezogen, ab 15. Oktober weitergehende Bezüge erlaubt, Grund sind Niedrigwasser auf Rhein und Donau sowie dürrebedingte Ernteausfälle bei Sonnenblumen. Plattform J
