Kreatives

Fünf Farben eines Augusttages

Kleinbasel, kurz vor acht am Sonntagabend. Ivo Wenger vom Statistischen Amt geht mit einem Handmessgerät die Uferstrasse ab, hält es in Kniehöhe, liest ab, tippt die Zahl ins Tablet, geht zwanzig Schritte weiter, liest wieder ab. Warum er das schon zum sechsten Mal an diesem Wochenende tut, sagt er nicht, nur dass die Zahlen am Ende auf einer Karte landen. Auf dem Pflaster zeigt das Gerät 27 Grad. Am Rheinufer, hundertfünfzig Meter weiter, wo Bäume stehen, zeigt es 22.

Courtelary, dieselbe Stunde, anderes Licht. In einer Scheune breitet Dr. Priska Hodel von den Naturhistorischen Museen Bern und Solothurn Dutzende Fragmente auf Filztüchern aus, neue Funde vom Feld, das 2016 als grösstes Meteoritenfeld Europas entdeckt wurde. Sie sortiert nicht nach Grösse, sondern nach Farbe: die dunklen, eisenhaltigen zuerst, dann die helleren, silikatreichen. «Die dunklen erzählen mehr», sagt sie, ohne aufzublicken, «aber im Acker sehen sie aus wie jeder andere Kieselstein.»

Genfersee, Höhe Ouchy, eine Stunde früher. Ein Forschungsboot der Universität und der ETH Lausanne zieht ein feines Netz durch die obersten Wasserschichten. Mit einer neuen Messmethode finden die Forschenden 656-mal mehr Mikroplastik als frühere Zählungen ergaben, nicht weil plötzlich mehr im See wäre, sondern weil die alte Methode die kleinsten, hellsten Partikel schlicht übersah. Was durchsichtig ist, zählt nicht mit, bis jemand genauer hinschaut.

Zumikon, tagsüber, Gemeindehaus. Die kleine Zürcher Gemeinde schreibt die Betreuung ihrer Hardware neu aus, wie manche kleineren Gemeinden es lieber auslagern als selbst zu stemmen. Auf dem Formular steht nichts von Farben, nur Formulare und Fristen, aber im Serverschrank im Keller blinkt es die ganze Zeit in Grün, Gelb und Rot weiter, und niemand, der vorbeigeht, weiss auf Anhieb, was welche Farbe bedeutet.

Thun, Rathaussaal, «Im Rathaus um 4». Das Trioraro spielt Brahms‘ Klaviertrio Nr. 3 in c-Moll, komponiert 1887 am Thunersee, hundertneununddreissig Jahre später am selben Ufer wieder aufgeführt. Das Licht durch die Butzenscheiben legt sich in Grün und Bernstein über die Tasten, während draussen die Uferpromenade noch die Nachmittagshitze abgibt.

Was Ivo Wenger am Abend beschäftigt, ist dasselbe Prinzip, das Priska Hodel am Fund erkennt und das über dem Genfersee unsichtbar bleibt. Farbe entscheidet, wie viel ein Ding von der Sonne behält. Dunkle, dichte Materie, Asphalt, Eisenmeteorit, ein dunkel gestrichenes Dach, nimmt Strahlung auf und gibt sie langsam wieder ab, oft erst tief in der Nacht. Helle, poröse Materie, Blätterdach, Silikatgestein, freies Wasser, lässt das Licht grösstenteils abprallen und kühlt schneller aus. Albedo heisst das in der Fachsprache, und sie erklärt, warum die eine Basler Strasse um Mitternacht noch nach Sommer riecht und die andere, zweihundert Meter weiter, schon nach Herbst.

Um zehn ist Ivo Wenger fertig mit seiner Runde. Auf der Karte, die er ins Tablet zeichnet, ist die Stadt gestreift, hell und dunkel durcheinander, wie ein Fell. Im Rathaussaal in Thun endet zur gleichen Zeit der letzte Satz des Klaviertrios, und für einen Moment hat auch die Musik zwei Temperaturen, die eine im Saal, die andere hundertneununddreissig Jahre zurück, dort, wo sie noch warm war, als sie entstand.


Eingewobene Meldungen vom 31. August 2026:

  • Das Statistische Amt Basel-Stadt misst deutliche Temperaturunterschiede zwischen den Quartieren der Stadt. SRF Regionaljournal Basel Baselland
  • Neue Fragmente vom 2016 entdeckten, grössten Meteoritenfeld Europas im Berner Jura liefern den Naturhistorischen Museen Bern und Solothurn neue Erkenntnisse. SRF
  • Eine Studie von Universität und ETH Lausanne weist im Genfersee dank neuer Messmethode 656-mal mehr Mikroplastik nach als bisherige Zählungen. SRF
  • Die Gemeinde Zumikon schreibt erneut die Betreuung und Pflege ihrer IT-Hardware aus. Inside IT
  • Das Trioraro spielt in der Reihe «Im Rathaus um 4» in Thun Brahms‘ Klaviertrio Nr. 3 in c-Moll, komponiert 1887 am Thunersee. Plattform J

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