Was der Zucker im Most schon weiss
3.50 Uhr, Twann. Ruth Anker schliesst die Wagentür, so leise es eine Autotür eben zulässt, und nimmt das Refraktometer vom Beifahrersitz. Sie ist die kantonale Rebbau-Kontrolleurin für die Region zwischen Bielersee und Erlach, und ihr Auftrag für den Tag liegt seit gestern Abend fest: sechzehn Parzellen, alle sollen wissen, ob der Zucker in den Beeren schon reicht, um mit dem Läset zu beginnen, bevor die Mittagssonne die Trauben überhitzt. Der Sommer hat den Kalender überholt. Was sonst Ende September beginnt, beginnt heuer, kaum dass der August zu Ende geht.
4.20 Uhr, Ligerz. An der ersten Parzelle presst sie eine Beere zwischen den Fingern, hält den Tropfen ans Prisma, liest die Zahl, schreibt sie auf. Der Winzer, ein Mann mit Gummistiefeln über der Schlafanzughose, steht daneben und riecht selbst an der offenen Handfläche. «Kleiner als sonst», sagt er, «aber konzentrierter.» Er habe vom Kollegen in Graubünden gehört, dass dort dieselbe Woche geerntet werde wie 2003, und im Wallis liege man sechs bis zwölf Tage vor dem Hitzejahr 2022. Ruth nickt nur. Ihre Nase hat inzwischen zwölf Parzellen hinter sich, und sie merkt, wie der Duft nach reifer Traube langsam verblasst, nicht weil er schwächer wird, sondern weil ihre eigenen Rezeptoren aufgehört haben, ihn zu melden. Sie steigt kurz aus dem Rebberg, atmet an der Innenseite ihres eigenen Handgelenks, wo nie Wein hinkam, und riecht wieder scharf.
9.10 Uhr, Ins. Auf dem Weg zum kantonalen Labor, wo die letzten Proben ausgewertet werden, trifft sie Kurt Brechbühl, der die Messgeräte betreut. Er flucht leise über den Bildschirm, der seit einer Woche eine Warnung zeigt, die niemand mehr behebt: Das System läuft noch auf einer alten Version, und der Bund selbst sucht gerade für über 45 Millionen Franken externe Fachleute, die sich mit genau jenen Programmen auskennen, auf denen auch dieses Labor sitzt. «Die Meldung kommt jeden Morgen», sagt Kurt, «irgendwann sieht man sie gar nicht mehr.» Ruth kennt das Gefühl aus dem Rebberg.
13.40 Uhr, Schafis. Beim Mittagshalt, ein Sandwich auf der Kühlerhaube, erzählt ihr eine Nachbarin vom gestrigen Abschied im Fernsehstudio: Nebelmaschine, ein Kuchen, ein Transparent mit der Aufschrift, das Wetter bleibe, nur der Mann dahinter gehe. Über drei Jahrzehnte habe er jeden Abend dieselbe Karte gezeigt, und genau deshalb, sagt die Nachbarin, habe sie ihm irgendwann gar nicht mehr richtig zugehört. Sein letzter Satz vor der Kamera war eine Vorhersage: über dreissig Grad für heute. Ruth blickt auf das Thermometer im Auto. Er hatte recht, und heute ist genau der Tag, an dem die Reben ihren letzten Zuckerschub bekommen, bevor sie geschnitten werden.
19.15 Uhr, Därligen. Auf der Heimfahrt über die A8 stehen am Strassenrand zwei frisch betonierte Becken, gross wie Turnhallen, noch mit Baugittern umzäunt. Geschiebesammler, gebaut gegen Hochwasser und Steinschlag vom Grat darüber, jeder mit über tausend Kubikmetern Fassungsvermögen, ausgelegt auf ein Ereignis, das im Schnitt nur alle dreissig bis hundert Jahre kommt. Niemand hat sie bauen lassen, weil gestern etwas passiert wäre. Sie stehen leer und bereit für ein Ereignis, das sich mit jedem ruhigen Jahr leichter vergessen liesse, und genau deshalb wurden sie nicht vergessen.
Ruth fährt weiter, mit sechzehn Zahlen im Notizbuch und einer Nase, die den Duft nach Traube erst wieder richtig riechen wird, wenn sie morgen früh aus dem Wagen steigt.
Eingewobene Meldungen vom 27. August 2026:
- Die Schweizer Weinlese 2026 beginnt in vielen Regionen rund drei Wochen früher als üblich, mit kleineren, aber konzentrierteren Trauben und vielversprechender Qualität. Plattform J
- Das Bundesamt für Informatik sucht für über 45 Millionen Franken externe Dienstleister mit Red-Hat-Fachwissen. Inside IT
- Thomas Bucheli hat sich nach über drei Jahrzehnten mit Nebelmaschine, Kuchen und einer letzten Prognose von über 30 Grad vom SRF-Meteo verabschiedet. SRF
- Bei Därligen an der A8 zwischen Spiez und Interlaken stehen die ersten neuen Geschiebesammler gegen Hochwasser und Steinschlag kurz vor der Fertigstellung. Plattform J
