Was um 20 Uhr 40 gleichzeitig gilt
Um 20 Uhr 40 steht der Stein mit der eingeschlagenen Nummer 148 auf einer Schutthalde über dem Simmental, wo er seit hundertfünfzehn Jahren steht, und gehört niemandem. Links von ihm liegt Kalkschutt. Rechts von ihm liegt Kalkschutt. Dazwischen verläuft eine Linie, die vermessen und gezeichnet, aber nie ins Grundbuch eingetragen worden ist, weil Felsen, Schutthalden und Gletscher dort bisher nichts zu suchen hatten.
Zur selben Minute fährt zwischen Bergün und Samedan wieder ein Zug. Der Erdrutsch im Val Bever hatte die Albulalinie länger blockiert als angekündigt, auf Freitagabend sollte sie wieder befahrbar sein, und sie ist es. Was heruntergekommen ist, gehörte am Dienstag zum Berg und liegt seit Mittwoch im Tal. Vermessen war es beide Male.
Zur selben Minute sitzen in der Drei-Seen-Region drei junge Fischadler auf einer Plattform, deren Koordinaten niemand veröffentlicht. Sie sind im Mai geschlüpft. Ihre Eltern sind das erste Fischadlerpaar, das seit 1914 in der Schweiz gebrütet hat. Das Männchen trägt einen blauen Ring mit einer Nummer und wurde 2020 freigelassen, das Weibchen trägt nichts und ist unbekannter Herkunft. Beide bewohnen ein Revier, das in keinem Register steht und trotzdem unbestritten ist. Ende August fliegen die drei Jungen nach Afrika. Vier von fünf jungen Zugvögeln kommen nicht zurück.
Sechs Stunden vorher, am frühen Nachmittag, räumen im Val Bever Maschinen Material zur Seite, das dreissig Stunden zuvor noch Hang war. In Kandersteg misst eine Anlage, wie weit sich der Spitze Stei seit dem Vortag bewegt hat, in Millimetern. In Bern liegt seit dem Morgen ein Antrag beim Grossen Rat: 1,9 Millionen Franken für neue Grundlagen zur Beurteilung von Erdrutschen, Lawinen und Steinschlag, Gesamtkosten 3,8 Millionen, halb Kanton, halb Bund. Gefahrenkarten sollen genauer werden. Genauer heisst: die Linie soll dünner werden, nicht die Gefahr kleiner.
Auf der Schutthalde über dem Simmental wirft um diese Zeit eine Bergföhre ihren Schatten auf den Stein 148. Sie ist ungefähr sechzig Jahre alt und steht so nah, dass ihr Stamm ihn eines Tages berühren wird.
Am Morgen, kurz nach halb neun, geht in Bern eine Gesetzesänderung hinaus. Der Regierungsrat hat sie am Donnerstag verabschiedet; herrenloses Land wie Felsen, Schutthalden und Gletscher soll ins Grundbuch aufgenommen und den Einwohnergemeinden zugesprochen werden. Für herrenlose Wegstücke, Äcker und Industriegelände bekommen die Gemeinden ein Vorerwerbsrecht, an Private geht so etwas künftig nur noch mit ihrer Zustimmung. Der Grosse Rat berät voraussichtlich in der Wintersession. In den Jahren davor hatte ein Burgdorfer Stadtrat, der sich selbst König der Schweiz nennt, im ganzen Land herrenlose Grundstücke übernommen. Kostenlos, vermessen, im Grundbuch eingetragen und völlig legal.
Am Tag davor, um 11 Uhr 55, sass in Lausanne die erste öffentlich-rechtliche Abteilung des Bundesgerichts in öffentlicher Sitzung. Fünf Richter, ein Berner Polizeigesetz, das seit August 2024 in Kraft ist, und die Frage, wie lange man etwas behalten darf, das nichts ergeben hat. Die automatisierte Fahrzeugfahndung liest Kontrollschilder und gleicht sie mit Ripol und dem Schengener Informationssystem ab. Wer nirgends gesucht wird, ist ein Nichttreffer. Sechzig Tage Aufbewahrung sah das Gesetz für Nichttreffer vor. Das Gericht sagt: sofort löschen, und bis das im Gesetz steht, fährt die Fahndung nicht. Die Bestimmung zum Fotografieren der Insassen fiel ebenfalls, die zur Bodycam auch, ohne Diskussion. Nicht weil Körperkameras verboten wären, sondern weil der Kanton an dieser Stelle nicht der Gesetzgeber ist.
Zur selben Stunde entscheidet der Bundesrat, keine Bürgschaften für den Glasfaserausbau zu sprechen. Wo sich das Netz nicht rechnet, hilft eine Garantie nicht weiter, gefördert werden soll direkt und vor allem auf dem Land. Das Netz wächst dort, wo es am teuersten ist, oder es wächst nicht.
1911 trug ein Geometer den Stein 148 zu Fuss hinauf, richtete ihn nach zwei anderen aus und schlug die Nummer ein. Er hielt die Linie fest, damit sie nicht verlorengeht. Wem der Schutt links und rechts davon gehörte, war ihm gleichgültig, denn dort wuchs nichts.
Die Bergföhre wächst nur in einer einzigen Schicht, ein paar Zellen dick, zwischen Holz und Rinde. Nach innen legt sie Holz an, nach aussen Bast. Alles, was weiter innen liegt, ist totes Kernholz, alles weiter aussen tote Borke. Sechzig Jahre Baum, und lebendig ist er ausschliesslich an seiner Grenze. Wenn er den Stein 148 erreicht, schliesst er ihn nicht ein. Er wächst um ihn herum, Jahr für Jahr, an genau der Stelle, an der er aufhört.
Eingewobene Meldungen vom 14. August 2026:
- «Lex Lauwiner»: Herrenlose Grundstücke sollen Gemeinden gehören — Plattform J, 14.8.2026
- Kanton Bern investiert in Risikomanagement von Naturgefahren — Plattform J, 14.8.2026
- Erdrutsch bei Bever: Albulalinie bis Freitagabend teilweise unterbrochen — SRF News, 13.8.2026
- Fischadler nistet nach 112 Jahren wieder in der Schweiz — SRF News, 12.8.2026
- Bundesgericht bremst Bern bei der automatisierten Fahrzeugfahndung — Inside IT, 13.8.2026
- Bundesrat lehnt Bürgschaften für Glasfaserausbau ab — Inside IT, 13.8.2026
