Kreatives

Zettel am Schlüsselkasten, dreizehn Punkte

Zettel am Schlüsselkasten, dreizehn Punkte

Sarah, zwei Wochen, du schaffst das. Die Liste ist länger geworden als abgemacht. Das liegt nicht an dir.

1. Schlüssel Nummer vierzehn passt noch bis Silvester. Danach brauchst du ihn nicht mehr, und ich auch nicht. Die Garderobenhaken auf Kniehöhe im Parterre bleiben trotzdem an der Wand, das hat die Verwaltung so entschieden. Wenn dich im Treppenhaus jemand fragt, warum sie zumachen, sag nichts. Alle kennen die Zahl. Keiner sagt sie gern laut.

2. Der Glascontainer wird nur noch alle drei Wochen geleert, das reicht seit Juni. Dafür stehen jeden zweiten Freitag Kartonschachteln daneben, in denen Staubsauger waren. Ich habe aufgehört, mich zu wundern. Falte sie, stell sie flach hin und zähl sie nicht.

3. Herr Berger im dritten Stock übt seit Montag wieder mit offener Tür. Er hat den Verstärker aus dem Estrich geholt, wo er vier Jahre lang stand. Er sagt, er sei jetzt gekennzeichnet, und meint es als Kompliment. Bis halb neun lässt du ihn. Danach klopfst du einmal, nicht zweimal.

4. Seine Gitarre ist verkehrt herum bespannt. Das ist kein Defekt, das ist er.

5. Frau Loosli macht ab Freitag den Blumendienst nicht mehr. Sie steht neu um sechs auf, fährt nach Burgdorf und kommt abends mit ganz eigenartig müden Augen zurück. Sie steht in einem Saal, in dem Leute vor Bildern stehen und fragen, wer die Fotos gemacht hat. Dann muss sie jedes Mal erklären, dass es Farbe ist. Giess du die Geranien, es sind nur vier Töpfe.

6. Herr Aebi fährt jetzt um Viertel nach vier weg. Sein Parkplatz ist morgens leer. Das ist kein Fremdparker, das ist Abwesenheit. Wenn du wissen willst, wohin: ins Kandertal, wo sie einen Berg ausräumen, den 1947 jemand versehentlich geöffnet hat. Sie bauen dort zuerst ein Häuschen aus Betonelementen, in dem man Dinge sprengt, die man nicht mehr anfassen darf.

Was am Ende herauskommt, sind 1,2 Millionen Kubikmeter Material und 80’000 Lastwagenfahrten – aneinandergereiht von Genf bis Wien. Herr Aebi rechnet das gern vor. Nick einfach.

7. Die Waschküche: Maschine drei zieht nach links. Das ist seit vier Jahren so und geht niemanden etwas an.

8. Im Werkzeugschrank hängen zwei Scheren. Nimm die grüne, wenn du Rechtshänderin bist. Die schwarze gehört mir. Sie sehen gleich aus, sind aber nicht dasselbe. Wenn du es mit der falschen versuchst, drückt das Blatt, statt zu schneiden, und du hältst dich für ungeschickt. Bist du nicht. Es ist eine Frage, welche Klinge oben liegt.

9. Dazu gehört, dass heute der Tag der Linkshänder zum fünfzigsten Mal begangen wird. Der Mann, der ihn erfunden hat, legte ihn absichtlich auf einen Freitag, den Dreizehnten. Ich finde das die eleganteste Art, sich gegen einen Aberglauben zu wehren: hinstehen und dableiben.

10. Unter dem Spülbecken stehen zwei Flaschen desselben Herstellers, gleiche Grösse, gleiche Schrift. Die eine riecht nach Kümmel, die andere nach Pfefferminze. Das ist kein Etikettenfehler. Es ist zweimal dasselbe Molekül, einmal so herum und einmal spiegelverkehrt gebaut, Atom für Atom identisch. Die Nase merkt trotzdem sofort, welches von beiden vor ihr steht. Sie kann das, weil sie selbst nur in einer Ausführung existiert.

Ein Schlüssel und sein Spiegelbild wiegen gleich viel. In dasselbe Schloss passt nur einer.

11. Deshalb – und jetzt komme ich zu dem Punkt, den ich dir eigentlich schreiben wollte: Es gibt in diesem Haus im Moment ziemlich viel, das aussieht wie etwas anderes, und ziemlich viele Leute, die deswegen aufgeregt sind. Ein Bild, das für ein Foto gehalten wird. Ein Lied, dem man ansehen können soll, ob jemand dabei war. Ein Berg, der siebzig Jahre lang wie ein Berg ausgesehen hat.

Niemand von ihnen liegt falsch. Sie merken nur alle gerade, dass ihre Nase funktioniert.

12. Die Post kommt neu erst nach zehn.

13. Die schwarze Schere hängst du bitte wieder links zurück. Ich finde sie sonst nicht, und ich habe zwei Wochen frei, keine drei.

Bis am Siebenundzwanzigsten.


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