Kreatives

Der Abend, an dem alles einen Umweg nimmt

Der Abend, an dem alles einen Umweg nimmt

Auf der Terrasse unter dem Stockhorngipfel stehen an diesem Mittwochabend
dreiundvierzig Leute, und zweiundvierzig davon schauen in dieselbe Richtung.
Es ist zwanzig nach sieben. Die Luft über dem Simmental ist so ruhig, dass man
das Sirren der Bahnräder hört, obwohl die Kabine längst unten ist.

Ein Mann in einem hellblauen Hemd verteilt Brillen aus einer Papiertüte. Er
habe die letzten vier im Kanton gekriegt, sagt er, drei Tage lang gesucht, und
für eine hätte jemand hundertfünfzehn Franken verlangt. «Ich habe nachgefragt,
ob das CE-Zeichen echt sei. Er hat nicht mehr geantwortet.» Ein Mädchen neben
ihm hält ihre Brille verkehrt herum vors Gesicht und sagt, so sehe man gar
nichts, und der Mann sagt, genau das sei der Punkt.

Die Frau mit dem grünen Rucksack ist am Vortag in Zürich gelandet. Sie erzählt
es beiläufig, während sie ihre Jacke auszieht und wieder anzieht. Vierzig
Minuten habe sie gestanden, der Stau habe schon beim Duty-free begonnen. Ein
neues System erfasse jetzt jede Ein- und Ausreise von Leuten aus Drittstaaten
elektronisch statt mit einem Stempel. Sie selber sei gar nicht gemeint gewesen.
«Aber wenn die Kollegen alle drüben brauchen, sind hüben weniger Schalter
offen.» In Frankfurt, sagt sie, hätten sie im Juli zwei Stunden gemessen. Ein
Stempel dauerte drei Sekunden.

Der ältere Herr mit dem Feldstecher war am Montag in Zürich am See. Er ist
extra hinuntergefahren wegen der kleinen Rundfahrt und hat am Steg gestanden,
als ihm ein Matrose sagte, sie falle ab sofort aus. Das Wasser stehe so tief,
dass die Schiffe beim Anlegen die Fundamente berühren könnten und die Rampen
zu steil würden. «Und jetzt fahren sie die kleine Runde mit den grossen
Schiffen», sagt er, «weil die weiter weg vom Fundament anlegen. Dafür fällt
morgen ein Kurs der grossen Runde aus.» Er lacht kurz. Am Rhein, sagt er, sei
es dasselbe: Wo das Wasser fehle, fahre die Ware plötzlich mit Zug und
Lastwagen.

Zwei Frauen aus Graubünden sind heute Morgen mit den Kühen ins Tal gekommen,
Wochen früher als sonst. Oben sei nichts mehr gewachsen, sagen sie, das
Vieh habe angefangen, die Zäune abzusuchen statt die Weide. Die eine sagt, die
Glocken hätten am falschen Tag geklungen. Die andere sagt, sie hätten immer
geklungen, nur habe niemand hingehört, weil es kein Fest gab.

Der Bergführer ist erst vor einer Stunde heraufgekommen. Am Mont Blanc, sagt
er, stünden sie auf den Zustiegen in Kolonnen, und nun werde ernsthaft
diskutiert, ob man einen Wanderweg reservieren müsse wie einen Tisch. «Wir
haben das Gebirge lange als das genommen, was einfach da ist. Jetzt kriegt es
eine Warteschlange.»

Der Techniker, der die ganze Zeit nichts gesagt hat, sagt schliesslich, bei
ihnen sei gerade der Speicher teuer geworden. Der grösste europäische
Cloud-Anbieter habe angekündigt, die Preise deutlich anzuheben, weil
Arbeitsspeicher und Festplatten so viel kosten wie lange nicht. «Das kommt bei
niemandem als Nachricht an. Das kommt im Herbst als Rechnung.»

Um zwanzig vor acht ist der Sonne oben rechts ein Stück weggebissen, sauber
und rund, als hätte jemand mit einem Zirkel gearbeitet. Weit im Westen, über
Spanien und dem Atlantik, ist es in diesen Minuten für gut anderthalb Minuten
richtig Nacht. Hier ist es nur ein Licht, das die Farbe verliert wie
gewaschener Stoff.

Die Lehrerin, die neben dem Geländer sitzt, hält die Brille auf den Knien und
erklärt dem Mädchen etwas, das niemand hören wollte, aber alle hören. Die
Sonne, sagt sie, sei jetzt gleich untergegangen, und wenn sie den Grat
berühre, sei sie in Wahrheit schon darunter. Die Luft sei ein Bogen, sie
knicke das Licht um ein gutes halbes Grad nach oben, ungefähr um den eigenen
Durchmesser der Sonnenscheibe. Was man am Horizont sehe, sei also nicht die
Sonne, sondern ihr Umweg. Der untere Rand werde stärker gehoben als der obere,
darum sehe sie am Schluss plattgedrückt aus. Jeden Abend würden alle noch ein
paar Minuten Licht geschenkt bekommen von etwas, das gar nicht mehr da ist.
«Und niemand steht deswegen an.»

Um vier nach acht ist es vorbei. Der Mann mit dem hellblauen Hemd sammelt die
Brillen wieder ein, das Mädchen behält ihre. Die dreiundvierzigste Person,
eine Frau mit Hund, hat die ganze Zeit nach Osten geschaut, wo über dem
Niederhorn ein dunkelblaues Band aufsteigt, breit und stumpf und ohne jedes
Publikum. Es ist der Schatten der Erde. Er kommt jeden Abend, pünktlich, und
er braucht keine Brille.


Eingewobene Meldungen vom 12. August 2026:

  • Partielle Sonnenfinsternis über der Schweiz am Abend des 12. August, «Am Mittwoch geht die Sonne zweimal unter», SRF News — https://www.srf.ch/news/schweiz/partielle-sonnenfinsternis-am-mittwoch-geht-die-sonne-zweimal-unter
  • 108 Sekunden Totalität in der Kernzone; Schutzbrillen ausverkauft, im Wiederverkauf bis 115 Franken, 20 Minuten — https://www.20min.ch/story/schutzbrillen-sonnenfinsternis-resale-preise-explodieren-103615992
  • EES der EU verlängert die Passkontrollen, Flughafen Zürich bis 40 Minuten, Frankfurt im Juli bis 120, 20 Minuten — https://www.20min.ch/story/ees-eu-system-sorgt-fuer-chaos-an-flughaefen-auch-zuerich-betroffen-103614573
  • Zürichsee-Schifffahrt stellt Kleine Seerundfahrt und Limmatboot ein, grössere Schiffe wegen Fundamentberührungen, 20 Minuten — https://www.20min.ch/story/zuerichsee-und-limmat-zu-wenig-wasser-kleine-seerundfahrt-per-sofort-eingestellt-103616070
  • Alpabzug in Graubünden Wochen zu früh, weil das Futter fehlt, SRF News — https://www.srf.ch/news
  • Massenandrang am Mont Blanc, Ruf nach Reservationspflicht auf den Wanderrouten, SRF News — https://www.srf.ch/news
  • OVHcloud kündigt massive Preiserhöhungen an, weil RAM und Speicher teurer werden, Inside IT — https://www.inside-it.ch/ovhcloud-kuendigt-massive-preiserhoehungen-an-20260811