Milli und die Kunst zu warten
Milli hiess Milli, weil sie in Millisekunden dachte, und das war kein Spitzname, sondern eine Berufsbezeichnung. Sie war eine junge Zwergfledermaus, kaum schwerer als zwei Zuckerwürfel, und sie hatte an diesem Abend über dem Simmental die einzige Arbeit, die sie kannte: rufen, warten, rechnen.
Das geht so. Milli stösst einen Schrei aus, so hoch, dass kein Mensch ihn hört. Der Schrei fliegt los, trifft irgendwo auf etwas und kommt zurück. Und jetzt kommt der Teil, auf den es ankommt: Milli hört nicht auf den Ton. Sie misst, wie lange er weg war. Kurz weg heisst nah, lang weg heisst weit. Aus lauter kleinen Verspätungen baut sie sich in ihrem Kopf die ganze Nacht zusammen, jeden Ast, jede Motte, jede Wand. Milli sieht nichts. Milli wartet nur sehr genau.
Unter ihr stand ein Fenster offen, und aus dem Fenster kam ein Radio. Am Nachmittag hätten in Varese vier Schweizerinnen in einem Boot gesessen, sagte das Radio, und sie hätten Gold gerudert, als erste Schweizer Frauen überhaupt in einem so grossen Boot. Milli fand daran das Interessanteste, was das Radio gar nicht erwähnte: Ruderinnen fahren rückwärts. Keine von ihnen sieht, wohin es geht, und keine sieht die anderen. Über dreissig Schläge in der Minute, und trotzdem tauchen acht Blätter im selben Augenblick ins Wasser. Sie schaffen das, weil sie einander hören, den Riemen im Dollen, das Rollen der Sitze, den Atem. Ein Boot ist ein Klang, und wenn der Klang sauber ist, fährt es. Milli hätte sofort mitrudern können.
Weiter unten im Tal, in einem Tierpark in Bern, war an diesem Wochenende ein Seehund zur Welt gekommen, nach elf Monaten Wartezeit. Solche Jungtiere nennt man Heuler, und der Name ist keine Beleidigung, sondern eine Stellenbeschreibung. Ein Seehundjunges ruft, sobald die Mutter im Wasser verschwindet, und die Mutter findet es später unter Dutzenden anderer wieder, weil sie genau diese eine Stimme kennt. Der Ruf ist die Adresse. Milli, die selbst an der Stimme ihrer Mutter aus einer Kolonie von vierhundert herausgefunden worden war, nickte im Flug, was bei einer Fledermaus komisch aussieht.
In einer Küche brannte noch Licht, und dort geschah gerade etwas, das Milli beinahe aus der Bahn geworfen hätte. Forscherinnen und Forscher in Australien hatten herausgefunden, dass man Kaffee nicht unbedingt kochen muss. Man kann das Pulver auch mit Ultraschall durchrütteln, bis es seine Stoffe hergibt. Schall ist nämlich nichts Feines, sondern ein sehr ordentliches Geschubse: Millionen winziger Stösse pro Sekunde, alle im Takt. Milli, deren gesamtes Leben aus solchem Geschubse bestand, brauchte einen Moment. Sie schrie also, streng genommen, jede Nacht Tausende von Espressi in die Landschaft.
Und dann, auf dem Parkplatz vor dem Haus, kam der Augenblick, in dem der Abend kippte. Milli flog an einem Auto vorbei, und das Auto tat exakt ihre Arbeit. Neuere Schlüssel und Anhänger funken heute in Ultrabreitband, und sie fragen nicht, wie laut ein Signal ankommt, sondern wie lange es unterwegs war. Hin, zurück, gerechnet, Zentimeter. Der Schlüssel weiss auf diese Weise, ob die Hand am Griff wirklich die Hand ist oder jemand, der das Signal aus der Ferne kopiert hat. Milli blieb fast in der Luft stehen. Sie und dieser Autoschlüssel hatten denselben Beruf, und es war weder Hören noch Funken. Es war Warten und Rechnen. Die Fledermäuse machen es seit fünfzig Millionen Jahren, das Auto seit vorgestern, und keiner von beiden interessiert sich für den Ton. Beide interessieren sich für die Verspätung.
Aus dem Fenster kam inzwischen eine Sendung über Nationalhymnen. Da sang gerade ein ganzer Saal voller Menschen mit geschlossenen Augen und offenen Herzen eine Melodie, deren Text, hätte man ihn ohne Musik vorgelesen, ziemlich viele Leute erschrocken hätte, so viel Blut und Rache steckt in manchen dieser alten Zeilen. Milli verstand das nicht. Für sie war ein Ton eine Angabe. Für Menschen war er offenbar ein Gefühl, und wer beim Klang schon gerührt ist, prüft den Inhalt nicht mehr nach. Immerhin, dachte Milli anerkennend, hatten die Leute hier unten sich eine Hymne ausgesucht, in der es hauptsächlich um Morgenrot und Nebel geht.
Kurz vor Mitternacht stieg sie höher, als sie musste, drehte eine Runde über dem dunklen Grat und rief noch einmal in den Himmel hinauf.
Es kam nichts zurück.
Milli liess sich zufrieden fallen, denn sie wusste jetzt das Beste, was eine Fledermaus wissen kann: Wo kein Echo ist, ist Platz.
Quellen:
Eingewobene Meldungen vom 1./2. August 2026:
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